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„De groot Gill“, wie die Johannisgilde oft genannt wird, zeichnet sich durch besondere Demokratie aus. Ein deutlicher Hinweis darauf ist die seit Jahrhunderten gültige, jährliche Übergabe des Ältermann-Amtes. Um Ältermann zu werden, muß ein Gildebruder sich zunächst die Sporen als Schaffer verdienen. Jeder Gildebruder kann sich auf der Schlussversammlung des Gildefestes am Mittwoch zum Schaffer wählen lassen. Er übt dieses Amt dann für zwei Jahre aus.
In
seinem ersten Jahr dient er der Gilde als „Bierschaffer“, in dem er mit seinen
zwei Kollegen gegen den Durst der Gildebrüder im Gildelokal kämpft. Der
„Schafferstand“ hält Gildebier, eine besondere Mischung auf Malzbierbasis mit
einem kräftigen Schuß Ingwerpulver oben auf, und Köm bereit. Im zweiten Jahr
rücken die Bierschaffer in das Amt der „Ladeschaffer“ auf, die (bereits etwas
gemächlicher) „nur“ den Vorstand mit gutem Wein zu versorgen haben.
Nach ein paar Jahren sind die ehemaligen Schaffer dann an der Reihe, Ältermann zu werden. Der dritte Ältermann (drütt Öllst; von hier nichtgenannten Gildebrüdern auch gern „Azubi-Öllst“ genannt) ist die erste Führungsposition, die der Gildebruder dann einnimmt. Ein Jahr später rückt er auf den Posten des zweiten Ältermannes (tweet Öllst) vor. Dieser ist oberster Herr über das Schießen. Ein weiteres Jahr später übernimmt der glückliche dann die Führung der „Groot Gill“ als erster Ältermann (ierst Öllst).
So hat die Gilde in jedem Jahr drei andere Bierschaffer, drei andere Weinschaffer und wird von drei anderen Ältermännern geführt. Der kontinuierliche Wandel sorgt dafür, dass niemand in der Lage ist, der Gilde einen zu individuellen Stempel aufzudrücken, und trägt damit, so paradox es klingen mag, zur Erhaltung der jahrhundertealten Tradition bei.
Natürlich stehen die Altvordersten, die ehemaligen Älterleute, den nachfolgenden Vorständen mit Rat und Tat zur Seite. Sie führen beispielsweise als Kapitäne drei Jahre lang die Kompanien der Gilde beim großen Umzug durch Oldenburg. Aus der Riege der Kapitäne rekrutiert sich dann auch der Major, der die gesamte Gilde auf den Umzügen an Montag und Dienstag der „Tage der Rosen“ führt. (Ganz vorn marschiert allerdings keiner der „hohen Herren“, sondern der Löffelbrett-Träger. Siehe „Schießen“)
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Die St. Johannis Toten- und Schützengilde v. 1192 e.V. ist
auch in sogenannten Zeltgemeinschaften organisiert. Der Ursprung dieser
Gemeinschaften geht auf das manchmal schlechte Wetter in unseren Breitengraden
zurück. So errichteten um die (vorletzte)
Jahrhundertwende
die ersten Gildebrüder zum Schutz vor Wind und Regen insbesondere zum
Aufbewahren und Laden der Gewehre, damals noch großkalibrige Vorderlader, Zelte
auf dem Schützenplatz.
Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sich dies eingebürgert und heute stehen mehr als 40 Zelte auf dem großen Rund. Die Zeltgemeinschaften agieren wie kleine Vereine im großen Verein der Gilde. Man hat zumeist eine Satzung (geschrieben oder ungeschrieben), die die Zusammengehörigkeit dokumentiert und bspw. Regelungen zu Beiträgen und zur Neuaufnahme von Mitgliedern enthält. Man trifft sich auch über das Jahr und feiert (natürlich) insbesondere die „Tage der Rosen“ zusammen.
Die Mitgliedszahlen sind unterschiedlich. Große Zelte haben 40 oder mehr Mitglieder. Zumeist haben sich zur Gründung gute Freunde zusammengefunden und im Laufe der Zeit vergrößerten ihre Familien oder weitere Freunde die Gemeinschaft. Es gibt wohl kaum eine größere Freude als im Kreise der Zeltschwestern und –brüder an einem sonnigen Sonntagmorgen unter den Linden des Schützenplatzes das Gildefrühstück zu genießen.
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Der preußische Doppeladler ist dank des Vogelmachers, Theo
Pries, nicht nur jedes Jahr wieder ein wunderhübsches Tier (jedenfalls bis kurz
nach Beginn des Schießens), sondern aufgrund seiner Größe ein ganz besonderes
Exemplar in der deutschen Schützenlandschaft. Er wiegt mehr als drei Zentner
bevor die Schützen ihn auf’s Korn nehmen. (Und wer schon einmal den „Rest“ nach
dem Königsschuß in
Händen
hielt, hat den Eindruck er verliert zwar seine Extremitäten, jedoch aufgrund
der vielen Treffer mit den großkalibrigen
Bleigeschossen kaum an Gewicht.)
Der Vogel sitzt mit einer Bohrung in seinem Rumpf auf einer Eisenstange. Und erst wenn der tweit Öllst (der 2. Ältermann) erkennt: „Dat Isen is blank.“ ist der letzte Teil des Rumpfes abgeschossen worden und ein neuer König für das neue Gildejahr gefunden.
Neben dem Rumpf, der ja nur von einem Schützen gewonnen werden kann, hat der Adler natürlich noch weitere Preise zu vergeben. Der Rumpf ist neben der unvorstellbaren Ehre, Schützenkönig der St. Johannisgilde und damit über die Grenzen Oldenburgs berühmt zu sein, hinaus eine Suppenkelle aus Silber wert. Alle anderen Preise sind (nach einer geheimnisvollen, dem Autor undurchsichtigen Systematik) in kleine (Tee- / Kaffee-) und große (Suppen-) Löffel aufgeteilt. Jeder Löffel ist aus wertvollem Silber und an seinem Stiel mit dem jeweiligen Preis graviert. Auf den Umzügen durch die Stadt Oldenburg/H. führt das „Löffelbrett“, auf dem die Löffel in Schlaufen aufgesteckt sind, die versammelte Gilde an.
An Preisen sind da zunächst der Reichsapfel und das Zepter, die der Gildevogel in seinen Klauen hält. Beide sind nur dann gewonnen, wenn der Schütze die Klaue öffnet oder die Beine mitsamt der Klaue und Apfel oder Zepter abschießt. Auf den beiden Köpfen trägt der Vogel Kronen, in den Schnäbeln baumeln Zitronen. Zwischen seinen Hälsen sind „Schilde“ an Ketten befestigt. Die Hälse, die Flügel und der Schwanz an sich sind allerdings nicht das Ziel der Schützen. Das Holz gibt keinen Preis. (Das wäre den Schützen auch viel zu leicht.) Aber die Gummis (aus Altreifen in Form geschnitten und mit langen Schrauben befestigt), die auf dem Rücken an der Basis der Extremitäten befestigt sind, sind einen Löffel wert. Auf dem Rücken trägt der stolze Adler „Flattern“ (dünne Holzstäbe mit einem runden Kopf), Kreuze und anders geformte Gummis und eine Blumenvase mit einem Sträußchen Maiglöckchen. Hier sind die Preise noch einmal ganz genau zu sehen:

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Geschossen wird mit großkalibrigen Gewehren (16mm und mehr).
Aufgrund des Wachstums der Stadt Oldenburg in den letzten hundert Jahren (so
alt ist ungefähr der heutige Schützenplatz) ist es mit dem Schussfeld ein wenig
eng geworden. Wo früher Wiesen waren und Kühe grasten, stehen heute Häuser. Aus
diesem Grund
kann
nicht mehr auf die freie Stange geschossen werden. Der Vogel sitzt auf seiner
Stange in einem geschmückten, mit Holz ausgeschlagenen Metall-Kasten. Die
Gewehre sind lafettiert, damit kein Geschoss am Vogelkasten vorbeifliegt. Dies
ist auch der Grund, warum die teils noch größeren Vorderlader (bis über 20mm),
die sich oftmals noch im Besitz der Gildefamilien befinden, nicht mehr
geschossen werden können. Das Ein- und Ausspannen würde das Schießen zu sehr
verzögern.
Geschossen wird in der Reihenfolge der Nummern, die am Sonntagnachmittag beim „Nummerngrabbeln“ im Gildelokal gezogen werden. Jeder Gildebruder erhält eine Nummer. In Abwesenheit (z.B. wegen kurzfristiger Krankheit aufgrund des Gildefrühstücks vom Vormittag) wird diese von einem Zeltbruder geholt.
Ab Montag Nachmittag ruft der Gildebote die Schützen nacheinander auf. Den ersten Schuss (die Nummer 0) hat allerdings der amtierende König. (Traditionell versucht er, sich seine Insignien, nämlich den Reichsapfel, noch kurz vor dem nahenden Ende seiner Amtszeit zu erwerben.) Die fünf lafettierten Gewehre stehen in einem leichten Rund, um allen Plätzen möglichst gute Sicht auf den Vogel zu gewähren. Der König sucht sich für seinen ersten Schuss ein Gewehr aus, alle weiteren Schüsse werden in der Reihenfolge der Nummern von links nach rechts getätigt. Die Aufgerufenen treten an die Schießleiter (so werden die Lafetten genannt, da man früher von einem schräg liegenden Brett auf zwei Beinen schoss), laden einen Schuss, zielen über den Diopter (bei Regen oder schlechter Sicht auch über Kimme und Korn) und treffen (hoffentlich), was gerade an Preisen zu sehen ist.
Eine Besonderheit der St. Johannisgilde ist, dass in dieser hochdemokratischen und fairen Gemeinschaft ein jeder das Recht hat, König zu werden. Dies dokumentiert sich in der Tatsache, dass niemand seinen Schuss, selbst abgeben muss, um einen Preis zu bekommen oder gar König zu werden. Jeder darf einen beliebigen Gildebruder für sich schießen lassen. Dies führt als angenehme Nebenerscheinung häufig dazu, dass gleich zwei Gildebrüder etwas zu feiern haben. Der Schützenkönig und der Königsschütze.
Das Schießen wird am Montag bis zum frühen Abend durchgeführt. Zwischendurch wird für unterschiedliche lange Zeit unterbrochen. Diese Melkpause (die früher tatsächlich den Bauern die Gelegenheit gab, ihre Kühe auf den Weiden hinter dem Vogel ungefährdet zu melken) bietet den aktiven Schützen heute die Möglichkeit, in ihrer Zeltgemeinschaft ein wenig am Gemeinschaftsleben mit Kaffee und Kuchen teilzuhaben. Nun soll man nicht glauben, dass man den Dreizentnerhabicht mit den paar Schuss, die in der knappen Zeit am Montag abgegeben werden können, besiegen kann. Selbst Preise hat der Vogel am Abend noch zu hauf.
Am Dienstagnachmittag wird das Schießen fortgesetzt. Im
Verlauf des Nachmittags werden erst die Preise und anschließend auch das
Rumpfholz weniger. Damit auch alle Preise erreicht werden können, muss der
Vogel zwischenzeitlich gedreht werden. Hierzu sind an der Eisenstange
Richtleinen angebracht, die von den Offizieren auf Anweisung des
Schiess-Ältermanns (tweet Öllst) betätigt werden. Je nach Beschaffenheit des
Pappelholzes, aus dem der Vogel gemacht ist, den Witterungsverhältnissen und
natürlich den Schützen ist der Rumpf gegen 20:00 Uhr soweit zerfleddert, dass
ein gezielter Schuss den Rest des Rumpfes von der Stange löst. Wenn „dat Isen
blank“ ist, hat die St. Johannisgilde v. 1192 einen neuen König.
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